{"id":3279,"date":"2025-10-28T15:16:12","date_gmt":"2025-10-28T15:16:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unser-weissensee.de\/?p=3279"},"modified":"2025-10-28T15:46:17","modified_gmt":"2025-10-28T15:46:17","slug":"leben-und-arbeiten-in-weissensee-vor-und-nach-der-deutschen-einheit-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unser-weissensee.de\/index.php\/2025\/10\/28\/leben-und-arbeiten-in-weissensee-vor-und-nach-der-deutschen-einheit-2\/","title":{"rendered":"Leben und Arbeiten in Wei\u00dfensee vor und nach der Deutschen Einheit"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie hat sich das Leben in Wei\u00dfensee durch die Deutsche Einheit ver\u00e4ndert? Was war schwierig, was sch\u00f6n \u2013 und wie gelang es, in einer neuen Gesellschaft Fu\u00df zu fassen? Diesen Fragen widmete sich der Erz\u00e4hlsalon \u201eLeben und Arbeiten in Wei\u00dfensee \u2013 vor und nach der Deutschen Einheit\u201c am Dienstag, 14. Oktober 2025, im Stadtteilzentrum Wei\u00dfensee.<\/p>\n\n\n\n<p>Carolin Janssen begr\u00fc\u00dfte die ca. 30 G\u00e4ste des Erz\u00e4hlsalons im Namen des Stadtteilzentrums. Sie verwies auf die Idee des Salons, Demokratie zu leben, indem ganz unterschiedliche Geschichten erz\u00e4hlt werden k\u00f6nnen und alle einander zuh\u00f6ren. Dann f\u00fchrte Katrin Rohnstock, Inhaberin von <em>Rohnstock Biografien<\/em> und Begr\u00fcnderin des Formats <em>Erz\u00e4hlsalon<\/em>, in das Thema ein. Sie moderierte den Abend und lud ein, zuzuh\u00f6ren, wenn Menschen aus Wei\u00dfensee ihre ganz pers\u00f6nlichen Erinnerungen teilen. \u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><br>Gert Schilling (Jg. 1945) erz\u00e4hlte als erster frei gew\u00e4hlter B\u00fcrgermeister von Wei\u00dfensee (SPD), wie er sein politisches Engagement bereits vor 1989 in der Kirche und der Oppositionsgruppe \u201e\u00c4rzte f\u00fcr den Frieden\u201c begann. Es folgten die Gr\u00fcndung der SPD in Wei\u00dfensee, seine Teilnahme am Runden Tisch und seine Wahl zum B\u00fcrgermeister im Mai 1990. Beeindruckend seine Schilderung der ersten Tage im neuen Amt. 2800 Besch\u00e4ftigte erwarteten nun seine F\u00fchrung in den v\u00f6llig ver\u00e4nderten Zeiten. \u201eIch war ja bis dahin ein einfacher Ingenieur bei Elpro. Nun schaute ich in entsetzte und \u00e4ngstliche Gesichter mit der Frage &#8222;Was kommt nun?\u201c 10 Jahre war er erfolgreich B\u00fcrgermeister, ehe er mit der Fusion der drei Stadtbezirke Pankow, Prenzlauer Berg und Wei\u00dfensee sein Amt abgab. \u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Erhard Schmeltz (Jg. 1938) erz\u00e4hlt von seinen \u201ebesten Jahren\u201c, die er vor der Deutschen Einheit erlebte. Er war als Diplombauingenieur am Innenausbau von Zeugnissen der sozialistischen Moderne beteiligt, z.B. dem Berliner Fernsehturm und dem Hotel Stadt Berlin. Mit der weltweiten Anerkennung der DDR sorgte er als Projektleiter im Baubetrieb des DDR-Au\u00dfenministeriums f\u00fcr die Errichtung von Botschaftsgeb\u00e4uden \u201eall over the world\u201c. Vietnam, Libyen, Angola, Kambodscha, Nikaragua waren nur einige Stationen auf seinem Weg. Damit war mit der Deutschen Einheit Schluss. Er gr\u00fcndete einen Tischlereibetrieb, der bis heute existiert \u2013 auch wenn eine Insolvenz bew\u00e4ltigt werden musste. Heute f\u00fchrt den Betrieb sein Sohn. Witzig ist sein Wirken als Alterspr\u00e4sident in Zwillingsklubs, Freude macht ihm der Rentnerclub im Stadtteilzentrum und sein bis heute anhaltendes regelm\u00e4\u00dfiges Schwimmtraining. \u201eIch genie\u00dfe, was ich genie\u00dfen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Petra Mollnow (Jg. 1959) erlebte eine schwierige Kindheit. Sie wurde Unterstufenlehrerin und arbeitete zun\u00e4chst in einem Kinderheim; danach in einer Wei\u00dfenseer Oberschule. Nach der Wende bildete sie sich weiter als Heilp\u00e4dagogin und schildert ihre Entwicklung gepr\u00e4gt durch ihr \u201eK\u00fcmmer-Gen\u201c, oder wie sie es ausdr\u00fcckt \u201eIch kann nicht Nein sagen\u201c. Gek\u00fcmmert hat sie sich in ihrem Leben um insgesamt 42 Pflegekinder, die sie als \u201eHeimerziehung im famili\u00e4ren Bereich\u201c beschreibt. Heute liegt ihr der Rentnertreff im Stadtteilzentrum besonders am Herzen. Seit 28 Jahren ist sie nun schon im Treffpunkt des Stadtteils aktiv. Zu Beginn war es vor allem ein gesch\u00fctzter Bereich, in dem Menschen ihre Sorgen loswerden konnten. Die 90iger Jahre waren eine sehr anspruchsvolle Zeit, weil alles neu war. Sie m\u00f6chte mit den Rentnern fr\u00f6hliche Stunden verbringen und daf\u00fcr sorgen, dass alle Spa\u00df haben. Zustimmendes Nicken der Zuh\u00f6rer*innen best\u00e4tigt, dass ihr das wunderbar gelingt. \u201eIch werde jetzt selbst Rentnerin. Wie geht es weiter? Na, ich kann doch die Senioren nicht alleine lassen.\u201c Petra Mollnow wird sich weiter k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Rolf Biebl (Jg. 1951) ist Bildhauer und Maler und hat sein Atelier gleich um die Ecke. Er erz\u00e4hlte von den Umbr\u00fcchen an der Kunsthochschule Berlin-Wei\u00dfensee 1989\/ 1990 und von der k\u00fcnstlerischen Aufbruchstimmung in der Wendezeit. Er war zu der Zeit Lehrender an der Kunsthochschule und h\u00e4tte, w\u00e4re er Rektor geworden, vor allem das Eigenst\u00e4ndige, Besondere dieser ber\u00fchmten k\u00fcnstlerischen Bildungsst\u00e4tte bewahrt. \u201eNur K\u00fcnstler aus dem Osten\u201c, das war seine Idee. Doch im vereinten Deutschland war der Kampf der Studenten und des Lehrk\u00f6rpers um einen eigenst\u00e4ndigen Weg vergeblich. \u201eErneuerung hie\u00df, soviel Wessi wie m\u00f6glich\u201c., erz\u00e4hlt Rolf Biebl. Damit verschwand das Typische der Hochschule. Heutzutage ist DDR-Kunst wieder hei\u00df begehrt. Doch die Kunsthochschule Wei\u00dfensee ist nicht mehr Ort dieser besonderen Kunst, sondern eine beliebige Hochschule, der das Eigene verloren gegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ulli Hackeberg (Jg. 1954), war nach dem Abitur ab 1972 Stewardess bei der DDR-Fluggesellschaft \u201eInterflug\u201c. Das war kein Ausbildungsberuf. Mit Abitur, guten Fremdsprachenkenntnissen sowie einem 7-monatigen Kurs hat sie diese T\u00e4tigkeit bis zur Wende ausge\u00fcbt. Sie war gerne Flugbegleiterin, kam herum in der Welt. Dabei traf sie auch mehrfach Erhard Schmeltz. \u201eDoch die Arbeit \u00a0hatte auch Nachteile. Wir wurden st\u00e4ndig \u00fcberwacht. Zuerst habe ich das gar nicht gemerkt \u2013 aber in den Akten konnte ich das nachlesen.\u201c Wie sollte es nach der Wende weitergehen? Weiterbildung im Hotelfach, Umzug nach Leverkusen. Sie hat sich nicht unterkriegen lassen. Und dann gab es eine Ausschreibung bei der Lufthansa. Soll sie es wagen, sich noch einmal mit 39 Jahren auf die Schulbank zu setzen? Sie entscheid sich daf\u00fcr und war wie auf Wolken, als sie die Zusage bekam. Nun war die Arbeit ein Genuss \u2013 ohne \u00dcberwachung und Kontrolle. Selbst nach dem Umzug zur\u00fcck nach Berlin pendelte sie zwischen Berlin und Frankfurt, um ihrer Arbeit nachzugehen. \u201eIch hatte Gl\u00fcck, aber auch mein Herz in die Hand genommen und die Chance genutzt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Weise (Jg. 1936), kam nach dem 2. Weltkrieg aus Schlesien nach Berlin. Sie studierte Landwirtschaft und hat auf dem volkseigenen Gut (VEG) Wa\u00dfmannsdorf gearbeitet.\u00a0 \u201eWir hatten alles: Kindergarten, Laden, Sportgemeinschaften usw. \u201e Stolz erz\u00e4hlt sie, dass das VEG Berlin mit allem versorgte, was es an Nahrungsmitteln brauchte: Kartoffeln, Gem\u00fcse, Fleisch, Eier. Am 09.11.1989 war ihr erster Gedanke: \u201eHoffentlich sind morgen alle da.\u201c Die Tier mussten ja trotz Mauer\u00f6ffnung weiter versorgt werden. Bis auf einen Traktoristen waren alle da. Berufsehre. Frau Weise hat dann nach der Wende viel Negatives im Umgang mit dem VEG seitens der \u201eWessis\u201c erlebt. Sie bedauert, dass heute kein einziges der damals 64 G\u00fcter noch in Berliner Eigentum ist. \u201eBerlin hat keine Landwirtschaft mehr und kann sich nicht mehr selbst versorgen. \u00a0Die meisten G\u00fcter sind nun im Eigentum der Holl\u00e4nder.\u201c Im Zuge der Aufl\u00f6sung der VEG wurden viele Besch\u00e4ftigte arbeitslos. \u201eRegine Hildebrandt hat pers\u00f6nlich daf\u00fcr gesorgt, dass Mitarbeiter des Arbeitsamts zu uns kamen, damit wir uns nicht in die dem\u00fctigende Schlange einreihen mussten.\u201c Daf\u00fcr ist sie ihr bis heute dankbar. Frau Weise hat nach Erreichen des Rentenalters weiter gemacht. Sie war Gr\u00fcndungsmitglied des Heimatvereins Wei\u00dfensee und ist eine der besten Kennerinnen Wei\u00dfenseer Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen 6 Erz\u00e4hler*innen vergingen die 2 Stunden Erz\u00e4hlsalon wie im Fluge. \u201eSehr interessant\u201c, meinte eine Besucherin, die 1994 aus dem Westen Deutschlands nach Wei\u00dfensee gekommen war. Diese Meinung h\u00f6rten wir von vielen G\u00e4sten. Es wird im November 2025 eine Fortsetzung geben. Zum Thema <em>\u201eWie ich nach Wei\u00dfensee kam \u2013 vor und nach der Deutschen Einheit\u201c haben dann wieder B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger unseres Stadtbezirks Gelegenheit zum Erz\u00e4hlen. Denn, Zugezogen sind die meisten Wei\u00dfenseer, ob aus anderen deutschen Bundesl\u00e4ndern oder aus der ganzen Welt. Wir sind gespannt, was erz\u00e4hlt wird \u00fcber das Ankommen in Wei\u00dfensee.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Erz\u00e4hlsalon wird gemeinsam veranstaltet von Lebenserinnerungen e. V. und FreiZeitHaus e. V. Er ist Teil einer zweiteiligen Reihe, in der Bewohnerinnen und Bewohner Wei\u00dfensees ihre Erfahrungen rund um die Deutsche Einheit teilen. Der zweite Salon am 18. November 2025, 18:30 Uhr widmet sich dem Thema <em>\u201eWie ich nach Wei\u00dfensee kam \u2013 vor und nach der Deutschen Einheit\u201c.<br><\/em><strong><br>Auf einen Blick:<\/strong><br>Erz\u00e4hlsalon \u201eLeben und Arbeiten in Wei\u00dfensee \u2013 vor und nach der Deutschen Einheit\u201c<br>Dienstag, 14. Oktober 2025, 18 Uhr<br>Stadtteilzentrum Wei\u00dfensee, Pistoriusstra\u00dfe 23, 13086 Berlin<br>Tel. 030 92 79 94 63 \u2013 Mail: <a href=\"mailto:info@frei-zeit-haus.de\">info@frei-zeit-haus.de<\/a> \u2013 Netz: <a href=\"http:\/\/www.frei-zeit-haus.de\">www.frei-zeit-haus.de<\/a><em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie hat sich das Leben in Wei\u00dfensee durch die Deutsche Einheit ver\u00e4ndert? 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