{"id":2755,"date":"2024-11-15T13:18:20","date_gmt":"2024-11-15T13:18:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unser-weissensee.de\/?p=2755"},"modified":"2025-01-10T11:45:33","modified_gmt":"2025-01-10T11:45:33","slug":"wer-ist-juergen-kuczynski","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unser-weissensee.de\/index.php\/2024\/11\/15\/wer-ist-juergen-kuczynski\/","title":{"rendered":"Wer ist J\u00fcrgen Kuczynski?"},"content":{"rendered":"\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Am 2. September 2015 wurde an der Fassade des Stadtteilzentrums Wei\u00dfensee ein Bronzerelief mit dem Kopf des alten Mannes angebracht und feierlich eine Informationstafel enth\u00fcllt. Der kleine Park zwischen Pistoriusstra\u00dfe und Kreuzpfuhl hei\u00dft seitdem &#8222;J\u00fcrgen-Kuczynski-Park&#8220;. Wer ist der Mann, dem soviel Ehrung zuteil wird und warum gerade hier? Letzteres ist leicht zu beantworten. Er hat ganz in der N\u00e4he gewohnt, in der Parkstra\u00dfe 94. Es ist kein besonderes Haus, in dem er mit seiner Frau Marguerite Kuczyinski &#8211; auch sie war Wirtschaftswissenschaftlerin &#8211; drei Kindern und einer 70.000 B\u00fccher umfassenden Bibliothek bis zu seinem Tod 1997 gelebt hat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>J\u00fcrgen Kuczynski, der Wissenschaftler<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein Mensch, der mit so vielen B\u00fcchern lebt und vermutlich einen Gro\u00dfteil auch gelesen hat, muss ein kluger Mensch sein. Das war J\u00fcrgen Kuczynski, n\u00e4mlich ein national und international hochgeachteter Wissenschaftler der DDR. 100 B\u00fccher hat er geschrieben und etwa 4000 weitere Brosch\u00fcren, Artikel und Aufs\u00e4tze ver\u00f6ffentlicht. Er hatte ein universelles Wissen und&nbsp; vielerlei Interessensgebiete, die er bearbeitet hat. Eines seiner wichtigsten Themen als Forscher und Autor war die Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter, ob im fr\u00fchkapitalistischen England oder in sp\u00e4teren Jahrhunderten in Amerika und Europa oder die Lage der arbeitenden Kinder in den Fabriken. \u00dcber vier Jahrzehnte hat er sich damit besch\u00e4ftigt, so dass am Ende in 40 B\u00e4nden sein Hauptwerk mit dem Titel &#8222;Die Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus&#8220; entstand.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"900\" data-id=\"2766\" src=\"https:\/\/www.unser-weissensee.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/JK1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2766\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"900\" data-id=\"2767\" src=\"https:\/\/www.unser-weissensee.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/JK2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2767\"\/><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Nicht nur hochwissenschaftlich<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Kuczynski hat aber nicht nur hochwissenschaftliche B\u00fccher geschrieben<\/strong>, sondern auch solche, die Menschen lesen und verstehen k\u00f6nnen, die keine wirtschaftswissenschaftlichen Vorlesungen geh\u00f6rt haben. &#8222;Vom Kn\u00fcppel zur automatischen Fabrik&#8220; ist eines davon. Dieses Buch ist als Jugendbuch erschienen, aber auch f\u00fcr Erwachsene durchaus lesenswert. Hier erkl\u00e4rt er, wie und warum die Entwicklung der Werkzeuge &#8211; der Produktivkr\u00e4fte, wie Kuczynski schreibt &#8211; das Zusammenleben der Menschen, also die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, immer wieder und bis heute ver\u00e4ndert. \u00dcber Jahrtausende hinweg lernten die Menschen der Urgesellschaft aus Holz und Steinen Werkzeuge zur Bodenbearbeitung zu herzustellen, zun\u00e4chst um das nackte \u00dcberleben zu sichern. Sie lernten&nbsp; die Natur immer besser zu beherrschen, indem sie zum Beispiel das Feuer z\u00e4hmten und f\u00fcr sich nutzten. Dadurch konnten sie mehr produzieren, als sie selber brauchten, trieben Handel, bauten D\u00f6rfer und Siedlungen. All das hatte zur Folge, dass sie ges\u00fcnder, \u00e4lter und zahlreicher wurden. Irgendwann waren sie so viele, dass sie Kriege um fruchtbare Gebiete f\u00fchrten, Gefangene machten, die sie f\u00fcr sich arbeiten lie\u00dfen und so Klassengesellschaften entstanden. Auch die wissenschaftlichen Entdeckungen seien kein Zufall. Die Astronomie zum Beispiel hat ihren Ursprung in \u00c4gypten. Die Menschen am Nil mussten damit leben, dass der m\u00e4chtige Fluss immer wieder \u00fcber die Ufer trat. Wenn zur falschen Zeit ges\u00e4t wurde, zerst\u00f6rte der Nilschlamm die Ernte. Aus den Bed\u00fcrfnissen der Landwirtschaft wurde es \u00fcberlebensnotwendig, den Lauf der Sonne und des Mondes zu erforschen und einen Kalender zu entwickeln, um zur rechten Zeit zu s\u00e4en.<\/p>\n\n\n\n<p>Kuczynski beschreibt, wie je nach dem Stand der `Produktivkr\u00e4fte\u00b4 alte Gesellschaften einer neueren Entwicklung weichen mussten, die Sklavenhaltegesellschaft dem St\u00e4ndestaat des Mittelalters, diese der Herrschaft des Feudaladels und wie schlie\u00dflich mit den Erfindungen der Dampfmaschine, der Elektrizit\u00e4t usw. die kapitalistische Produktionsweise entstand. Auch der Kapitalismus &#8211; da war er sich sicher &#8211; werde letztendlich durch eine sozialistische Gesellschaft abgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>J\u00fcrgen Kuczynski, der Politiker<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>1945 ist er als Oberstleutnant der US-Armee nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt, das er 1936 als Widerstandsk\u00e4mpfer gegen die Nazidiktatur, Kommunist und Jude verlassen musste. Der geb\u00fcrtige Wuppertal-Elberfeldler lie\u00df sich nicht in Westdeutschland, sondern in der sowjetischen Besatzungszone nieder. 1946 trat er der SED bei. Er wurde Ordinarius f\u00fcr Wirtschaftsgeschichte an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t und schlie\u00dflich Vorsitzender der &#8222;Gesellschaft f\u00fcr deutsch-sowjetische Freundschaft&#8220;. Dieses Amt verlor er aber 1950 nach einer antisemitischen Welle in der Sp\u00e4tzeit Stalins. Im selben Jahr wurde er in die Volkskammer der DDR gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war Redenschreiber von Erich Honecker und hat ihn in au\u00dfenpolitischen Fragen beraten. Gleichzeitig hat er laut Konrad Naumann vom Politb\u00fcro das &#8222;republikfeindlichste Buch&#8220; geschrieben, das je in der DDR erschienen ist (<em>Der Spiegel<\/em> 16\/1997), n\u00e4mlich den &#8222;Dialog mit meinen Urenkeln&#8220;. Von h\u00f6chster Stelle wurde das Manuskript sechs Jahre lang bis 1983 auf Eis gelegt, als es dann erschien, erreichte es in wenigen Jahren 10 Auflagen. Es ist ein fiktiver Dialog. Seine Urenkel waren zu dieser Zeit erst Kleinkinder oder noch nicht geboren, &#8222;Sage mal, Urgro\u00dfvater, hast Du Dir den Sozialismus so vorgestellt, wie er heute ist,&#8220; l\u00e4sst er sie fragen. &#8222;Alles, was Dir an \u00c4rgerlichkeiten und M\u00e4ngeln begegnet, hat nichts mit unserem sozialistischen Gesellschaftssystem zu tun, sondern mit Schw\u00e4chen und Fehlern von Menschen, deren \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit sich ehrlich bem\u00fcht, unser Land immer sch\u00f6ner aufzubauen&#8220;, antwortet er. Die DDR sei eine im Ganzen gute Sache mit 1000 Fehlern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch auf die Frage nach der Stalinzeit antwortet er und spart nicht mit Selbstkritik. Nach 1956 sei bekannt geworden, dass Stalin, unter dessen F\u00fchrung schlimmste Verbrechen gegangen wurden, das Vertrauen der Menschen missbraucht habe. Auch er selbst sei \u00fcberzeugt gewesen, dass die Moskauer Prozesse in Ordnung seien, dass die Sowjetjustiz keine Fehler machen k\u00f6nne. Er sch\u00e4me sich f\u00fcr diese unkritische Einsch\u00e4tzung sehr.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Jahrhundertleben<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>1904, noch im Kaiserreich, wurde J\u00fcrgen Kuczyinki geboren. W\u00e4hrend der Weimarer Republik musste er schon als Student erfahren, dass er als Jude im Wissenschaftsbetrieb kaum ein Chance hatte und forschte einige Jahre in Amerika. In den 30er Jahren war er im Widerstand gegen Hitler und haupts\u00e4chlich mit der Herstellung von antifaschistischem Propagandamaterial befasst. Nach 45 Jahren im realen Sozialismus der DDR erlebte er dessen Zusammenbruch und ist in der Marktwirtschaft angekommen, in einer Gesellschaft mit Armut, Arbeits- und Obdachlosigkeit, wovor er immer gewarnt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>1996, ein Jahr vor seinem Tod, ver\u00f6ffentlichte er noch ein Buch: &#8222;Fortgesetzter Dialog mit meinem Urenkel&#8220;. Hier musste er eingestehen, dass das Experiment DDR gescheitert war und billigte ihm nur einzelne sozialistische Elemente zu: ein mi\u00dfgl\u00fcckter Staat, doch mit 1000 gro\u00dfen Leistungen im Kleinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er klagt aber auch den Kapitalismus an: &#8222;Erschreckend diese Unf\u00e4higkeit der Menschen, den Fortschritt wirklich zum Nutzen aller&nbsp; zu verwenden, nicht wahr? Das ist eben das, was wir Sozialisten zum Ziel haben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Gewissheit, dass der Sozialismus siegen w\u00fcrde, war von der Realit\u00e4t zunichte gemacht worden. J\u00fcrgen Kuczynski in einem Gespr\u00e4ch mit dem Politikwissenschaftler Georg F\u00fclberth: &#8222;Heute habe ich nun den Optimismus, d.h. nicht mehr die Gewissheit, sondern die ganz starke Hoffnung, dass die Menschheit in Frieden \u00fcberleben und sich weiter entwickeln wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Text: Annette Schorb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Quellen:<\/strong> Georg F\u00fclberth: Nachdenken \u00fcber J\u00fcrgen Kuczynski, Trotzfunk 02.02.201, Michael Landmann: Im Dienst des Antifaschismus,&nbsp; antifa 11.09.2014, Hermann Klenner: J\u00fcrgen Kuczyniski zu ehren,&nbsp; Die Linke 16.12.2015, Wolfgang Girnus: J\u00fcrgen Kuczynski \u2013 Bericht \u00fcber ein Kolloquium zum 100. Geburtstag<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 2. September 2015 wurde an der Fassade des Stadtteilzentrums Wei\u00dfensee ein Bronzerelief mit dem Kopf des alten Mannes angebracht und feierlich eine Informationstafel enth\u00fcllt. 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